Sunday, 26 February 2017

Der Parkbank Pinkler
Kapitel XV: s'Klatscht-Gleich-Platz

„...und die Wörter, mit welchen wir aus Verlassenheit im Gehirn hantieren, mit Tausenden und Hunderttausenden von ausgeleierten...“
—Thomas Bernhard

XV.

In den neunzigern vor dem bevorstehender WM in Chicago hat man den Wacker Drive von ihren unbehausten Allgemeinheit geräumt die da angesammelt haben und allerdings nicht ganz unbehaust waren. Da haben sie immerhin in unterster Strecke dieser drei-ebenen Straßenzügen eine grobe Unterkunft gebastelt wie bei Skid Row in Los Angeles aber wie gesagt Untergrund im wahrsten Sinne. Bei der Räumung hab ich zwar nicht mitgemacht aber Gegenwehr habe ich auch nicht geleistet.

Arbeiten habe ich in meiner Studienzeit da unten im Restaurant als Kellnerin und pflegte regelmäßig Feierabends beziehungsweise in der Pause die von unsern wohlhabenden Gästen nicht total verzerrten Essensreste für die Außenbewohner klammheimlich aufzustellen. Dies wäre Kündigungsgrund. Rettung vom Abfall bleibt Diebstahl.

Räumungstag war zu nachtschlafender Zeit. Frühmorgens im Halbdunkel hatte ich gerade Feierabend als die Bullen diese Menschenmenge wegschleppten was viel mehr waren als man zu erwarten mag. Aus dem Schlaf gerissen zu werden ist das Böseste dabei war sofort meine Gedanke. Wenn wie ich wahrscheinlich gerade erst eingepennt nach stundenlang rastloser Rast.

Schlafplätze waren es nur. Tagsüber nie besetzt. Hätte man bis mittags gewartet wären sie wohl wie Biene ohne Wabe wieder abends angekommen aber mindestens hätten sie ihr Schlaf am morgen davor.

Damit fertig beorderte unser Boss die bei uns illegal angestellten Billiglöhner die Plätze auszuräumen. Für diesen Zweck schon hatten sie riesige Container bestellt obwohl wir schon welche hatten. Die Extras dienten als Machtdemonstration zugunsten von unter anderen den achso hart arbeitenden Geschäftsreisenden die zu jener Zeit besoffen unsre Bar verlassen.

Hin und wieder ausschließlich beim Einschlafsbemühungen denke ich an diesen Moment. Ein paar Tagen danach zur WM Eröffnungszeremonie erschien Helmut Kohl zusammen mit Bill Clinton. Was man leisten muss um Host Country zu sein hatte ich damals keine Ahnung obwohl ich täglich mehrere Zeitung las. Zwölf Jahre später nur bin ich auf der Straßen von Berlin gelandet. Pünktlich zur WM.

Sechs Jahre davor eine Woche vor dem Votum für Ausrichterland hat Gerhard Schröder das Waffenembargo gegen Saudi Arabien aufgehoben und ihnen Granatwerfer zugestellt. Einige Berichte zufolge würde das als vorläufige Gegenleistung für die Saudis Stimme. Sechs Jahre später war es mit der Platzvertreibung hier in Stadtmitte auch nicht gespart.

Und der Ritus zur Bettzeit ist so ähnlich wiefern das Gebet des Barden unentwegt vor sich hin erhofft vielleicht auch träumen vielleicht auch träumen vielleicht auch träumen vielleicht auch. Vielleicht.

Viel leicht ist es nicht.

Die Gedanken laufen unbehindert von Buchstaben obwohl wir glauben über Wörter zu stolpern. Diese blitzschnellen Begriffe wird nicht vom Wortbau angehalten ja daher genausogleich vergessen wenn nicht an den Wortbaustelle eingetroffen. Wer von uns können das ruhig hinnehmen?

Liegend heißt nicht gerade ruhig. Ist gerade auch nicht.

Ich kann es nicht verstehen sagte Ollie damals warum gerade diejenigen die alles haben öfter dazu neigen Atheisten zu sein als die mit nichts. Ich tat mein Bestes zu erklären obwohl ich glaubte seiner Vordersatz nicht stimmte Neigen tun wir alle hauptsächlich wenn wir angezogen. Ich meine selber bin ich nicht gläubig aber was habe ich früher geglaubt zu haben? Naja. Aus heutigen Sicht viel mehr als heute aber damals... kann ich nur so zurückblicken... hatte ich nicht das Gefühl von bereicherter Existenz. Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen...

Religion ist eigenes Ding meinten die Preußen. Frag mal die Hugenotten. Eines wofür ich Ollie schätzte war dass er keineswegs sein Glauben predigte genauso wie er erkannte in mir dass ich keine von diesen evangelisierenden Neuatheisten bin. Religion hat ich als ich Wohnung Job und Familie hatte. Heute sieht es umgekehrt aus. Ich weiß aber wovon Ollie redete. Ärmere Menschen beten oft zu einem Gott. Gebildet mit Geld beten bestens zu der unsichtbaren Hand der Marktwirtschaft für materiellen Erfolg. Inwiefern diese einer Glaube pflegen wenn sie behaupten einer Religionsgemeinschaft anzugehören kann ich nicht besser behaupten als ich selber damals als Kind in der Kirche. War mein Glauben echt? Vielleicht auch träumen.


Wenn man wissen will ob wir mit einander geschlafen haben sag ich nur dass der Ding mit Obdachlosen und Sex jedenfalls meiner Erfahrung nach ist dass es nicht viel Sex gibt langzeitig ohne Obhut wenn überhaupt denn schräg. Geschlafen haben wir schon und wie es mit dem Miteinander vorging hat er mir viel Nützliches beigebracht aber auch viel Unsinn. Bei diesem Wetter zum Beispiel. Man erfährt rasch im Winter dass solange die Decken stimmen schläft man warm auch unterm Frost. Ollie meinte sich besser erst eng in seinen Mädels Polly und Esther zu wickeln damit meinte er in Stoff vom Seesack. Kann ich aber nicht ausstehen wegen der Lästigkeit wälze herum so abends und muss widerstandslos untern Decken gleiten und schlüpfen können und damit ist gleiten nicht möglich.

Und während ich ehrlich zu sagen nicht ausschließen kann dass es Übernacht mit Canvas am Haut doch wärmer würde bleibe ich trotzdem eher skeptisch. Ich meine wer tauscht Zelt und Schlafsack herum? Ollie hats! Nicht dass der Typ kein Genie war in seiner Art und Weise aber wollte manchmal nur noch den Querdenker darstellen und hat da gerne Konträrtheorien ausgedacht. Hierfür durchlebte er doch die experimentelle Phase und bestand darauf dass man die Nächte so reglos wie möglich durchmachen muss. Dafür hatte er glaube ich stets Muskelkater. Der toter Erfinder. Tagsüber war alles an ihm steif bis auf den Pimmel. Frag mich noch ob ich mit ihm Sex hatte! Ich lache mich selbst tot!

Buddelschiffgespräche redete er doch den ganzen Tag daher. Man sitzt auf selbst gebauten Kühlcontainerschiff gefangen in vom phantasierten Gott geblasener Flasche schwebend auf hoher See ohne Ende und betet um Wärme und Luft. Früher waren wir beide bestimmt junge Genies nun nur bin ich Idiotin alt und allein.

Vom Frühjahr kennt man diesen breiten Temperaturwechsel. Noch früher im Jahr wenn Winter noch nicht ausgeklungen ist weicht es in Berlin auch noch bedeutender ab aber anstatt wie in Mai diese nicht wissen ob man eine Jacke herumtragen muss oder nicht ist es im Februar schon so dass man schön in der Sonne sitzt ohne zu ahnen dass in weniger Stunden noch minus Grad kommt und zwar gegebenenfalls ziemlich so.

Es ist schade um Ollie. Das ist eigentlich ein Spitzname. Er ist von Kumpeln benannt nach Skateboardtrick, dieser selber nach noch lebendem Erfinder getauft. Ich habe miterleben müssen wie zwei Dreckskinder ihn tot vom Ufer ins Wasser geworfen haben. Begangen haben sie den Mord nicht bin mir sicher. Ich hab die da direkt zur Rede gestellt und der Jüngere schwor dass sie nur Spaß mit der Leiche haben wollten impliziert dabei die Frage wie oft solch eine Gelegenheit bieten würde. Herumblödeln mit echter Leiche. Er hätte nicht älter als elf sein können. Nein diese grausigen Arschlöcher sind am Mord von Ollie nicht beteiligt hat man doch daran erinnert dass die irdische Verstrickung nicht von alleine löst.

Es gibt Klugpolizisten und Klugscheißerbullen.  Diese sind bin ich mir sicher oft genug Sportmörder. Jene sind sich durch ihre Klugheit zu Klug beim unbequemsten Beweis nachhaken zu vertrauen. Es sei denn die arbeiten beim Verfassungsschutz dann setzen sie selber die Mörder ein. Dass ist die vorgenannte Unbequemlichkeit womit die schweigende Mehrheit einfach so umgehen. Die Beamter verstehen das schon wenn sie lang genug im Amt sind. Zumindest sei sie nicht die zurückgebliebenste Trottel.


Ollie meinte dass in der DDR auf dem Grenzturm haben sie immer drei dabei gehabt da zu zweit kommt es zu einfach zu Fluchtgerede wobei ein Dreier eine gewisse Mistrauensdynamik fördert. Jeder Dritter ist von höher Wahrscheinlichkeit Außenseiter oder trägt mit sich das Gefühl herum verdächtig Verräter zu sein oder zu werden ob gegenüber dem angeblich guten Gesetz oder der moralisch berechtigten Flucht. Eins gegen zwei vermutet jeder zur selben Zeit.

Unter rein psychologischem Gesichtspunkt war das Grenzkontrollprotokoll clever erdacht. Ollie war cleverer meinte er und meinte anstatt bloß die anderen zu fragen wie wäre es wenn wir von hier loswerden lieber den Kollegen eines Tages schlicht »Hej wenn ihr euch auf leisen Stiefeln davonschleichen wollen sag ich gar nichts.«

Ich will nur selber schützen meinte er »da ich Familie habe und nicht hiervon traue«. Sagte ihnen »Ich versuch möglichst euren Leumund zu wahren indem ich sag ich bin recht spät auf Posten eingetrudelt.« Oder nein. Das ist bescheuert. Auf jeden Fall vermerkte er etwa dass das Problem war natürlich dass die jeweiligen Kollegen von Vorschicht dürfen den Posten nur einzeln verlassen alsbald einzeln abgelöst. »Sonst könnte ich behaupten dass ich euch nicht angetroffen habe beim Ankommen auf Posten. Von keiner Flucht könnte die Rede sein zumindest nicht ohne persönliche Pflichtvernachlässigung.«

So hat er es gesagt um die Kollegen in den Gedankengang zu bringen. Zu zweit würden sie gewiss darüber weiter reden meinte Ollie und am Tag danach kamen pünktlich an und behaupteten bald werden sie abhauen und haben sie auch gemacht. Ollie meinte er hat so gleich daraufhin dasselbe gemacht dass er die Flüchtlinge fast überholte. Letztendlich verließen sie das Land zu dritt.

Ich glaube ich hab meine herumlabernden Gedanken frei Erfindung von unsinnigen Details zur Ollies Erzählung überlassen. Er würd nun schon schlafen der Schwein. Vielleicht auch träumen.


Sitz im Berlin. Eine Analogie. Zur Rolle als Bundeshauptstadt. Also Metonym. Es gibt zwei Missverständnisse. Der eine ist kulturell der andere ist syntaktisch. Kulturell ist gegenüber dem Grundgesetz immer von Verfassungsschutz die Rede obwohl es kein Verfassung gibt. Mit Verfassungsbegriffe meint man nur so als wäre man Verfassung haben und nicht als sollte man eine Verfassung haben. Demnach reicht es schon. Mit Verfassung verstehen alle Grundgesetz obwohl sie nicht darüber weiter Gedanken machen wenn überhaupt darüber nachdenken.

Der syntaktische Missverständnis handelt vom Inhalt vom Grundgesetz nämlich wie man nicht behindert werden dürfte die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu erleben oder ähnliches. Auf Englisch setzt man das als Development of the Personality um. Dass Entwicklung nicht gerade Entfaltung bedeutet, denkt man jedoch, stellt schnell fest dass es mit Übersetzungen entscheidend am Kontext liegt. Es wäre so in diesem Fall stimmen aber hier sitzt man schön tiefer in der Patsche weil Entfaltung ist eigentlich eigene Sache und lässt sich nicht klar mit dem einen Wort umsetzen. Übersetzen tut man aber sowieso. Was sonst?

Also sagen wir auf der einen Seite oder besser gesagt auf der anderen Seite des Atlantiks sagen wir zuerst dass ein Personality wie Körper und Geist von frühster Kindheit an über Jahre sich entwickeln lässt. Ein vernünftiges Stück hier ein verrücktes Stück da. Daraus wird normaler Mensch gebaut. Bei Entfalten dagegen ist alles schon da und muss sich nur unbeschädigt bewahrheiten. Der erste ist roh und unvollkommen der zweite ein entstehendes Vorhandensein. Bevor es zum Handelsabkommen zwischen zwei solch rezenten Weltkulturen kommt sollte sich gefragt werden welches Leitbild besser zum Roboter und welches zum Mensch.

Beide betroffenen Länder haben jeweilig ein tief gewurzeltes Verständnis von Rechte und beide erleben wie sich diese Unrecht verleihen lässt. Also Entwicklung oder Entfaltung?

Heute hab ich andere Sorgen dass es tagsüber schon so sonnig und warm ist nachtsüber wirds wie Döblin meinte Hundekalt. »s'Klatscht gleich«, hattes sich Ollie so ausgedrückt. Deswegen vor allem gut einwickeln. Einen härteren Schlag als plötzlich im Tiefkühl aufwachen gibts. Aber kaum.

Vieles hat mir Ollie nur indirekt beigebracht wie zum Beispiel wie man von A nach B kommt oder eher in welchen Sinn dass verstanden wird. Für lange Zeit verstand ich das Wort Strecke, wie Wegstrecke, als eine Distanz. Irgendwann mal als mir Ollie einen besseren Weg beschrieb, fiel mir plötzlich ein dass wenn die Rede von Leistungsorientierung ist kann sie genausogut in geometrischem Sinne so'nen Geradenabschnitt indizieren. In diesem Sinne hab ich nach Jahren das erste Mal verstanden wie ich zwei Strecken von meinem irgendeinmaligen Ziel entfernt war anstatt eine abwegige Kurve plus Strecke oder zwei.

Ob ich nun schon schlafe bestimmt nicht. Im oder am Gehirn hantieren? Vom Sprachökonomie dürfte gar keine Rede sein. Warte. Dit hap ick ooch falsch rum. Wenn das nicht genug ist gibts ja auch Geschlechtsfehler. Und was Wirtschaftsaktivität angeht, im wahrsten Sinne die unsere Batteriesaft an den bösen Bonzen, trägt mein täglich geklautes Brot auch schon zur Konjunktur bei. Aggregat. Der Wind weht. Ich vermisse Ollie nicht. Wie schrecklich ist das denn? Oder vermisse ich ihn schon? Bonzen. Brot. Böse Bonzenbrot. Bitterkalt Böe birst. Ich höre es. Fühle es noch nicht. Butterkelt Ollen mit Ollie im Bereich der Schleuse. Er wollte dreimal Goldfisch essen. Dreimal immer fatal Schicksal. Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel...

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Sunday, 19 February 2017

Sunday, 12 February 2017

Colonial Bread Letter 77

Lee Evin is not the age of someone who can escape the sound of 1977. Not that he's heard Ornette Coleman's take on "Mary Hartman, Mary Hartman". Evin owns all of half his age in albums, though not even that really because none of them are outright his. Surely by now he's stopped listening to the Elvis soundtrack, whose appearance in the house might be strictly down to a glut of beat up records at the drug store. Probably not.

There's no accounting for taste, either good or bad, and Lee Evin's's determined by availability. There is radio. Where to turn the dial, dictated by curiosity or a lack thereof? Having only barely graduated from AM, frequency modulated album orientation is the gatekeeper of what flows through the air.