Sunday, 8 January 2017

Der Parkbank Pinkler
Kapitel XIV: die Geschichte im Voraus gefälscht

„Ab ins Fegefeuer!“
—Blutkotzende Goten - Gefickt & Fertig LIVE!


XIV.

Von den Nischensitzplätzen links und rechts glich es einem Diner. Am Fenster hinten in der Ecke wuchs die breiteste vom Tisch verborgenen Bank mit ihrem Winkel zusammen. Auf der anderen Seite der Raumbreite verlief die Theke, deren Vorderende eine Diskussion über eine gegenwärtige Geschäftslage knapp verbarg. Der Chef versuchte zu veranlassen, dass gerade der Neuling ihren Stammpenner hinauswerft. Dieser würde das bestimmt nicht wollen, hatte sich schon bequem in besagter Ecke gemacht. „Der Azubi (faktisch gerade dabei, für wenig Zeit & noch weniger Geld ein Praktikum im Gastgewerbe abzuleisten) versuchte die entscheidende Kompromissbereitschaft aus der Lehre zu erproben. Eventuell dürfte er woanders sitzen?


Unweit dieser Verhandlung, dem Eingangstür entgegengesetzt, saß zwei Beamtinnen. HK Katrin Elsner wärmte sich die Hände an der Kaffeetasse: »Unabhängig von jener Stichhaltigkeit, das Menschentum ist vom Skeptizismus überrannt.«

KM Elke Lamprecht zog die Augenbrauen zusammen: »Ich bin mir nicht sicher, ob das so für mich gilt.« Sie merkte sofort die ungewollte Ironie dieser Erwiderung. HK Elsner, dieselbe Ironie eh schon vorab von der mimischen Muskulatur  ihrer Gesprächspartnerin merkend: »Aus dem Englischen zurückgeholt hieße es eher noch die Verleugnung, denn Denial wurde demnach zu dem, was man nicht wahrhaben will, weder unbedingt eine schlichte Negation, noch nur das, woran nicht geglaubt wird.«

»Unabhängig von der Stichhaltigkeit der Freud'schen Sichtweise«, sprach die Lamprecht diesmal mit gewollter Ironie. Elsner, Augenbrauen hoch: »Eben.«

Unsicher, was diese Stirn zu verbergen mag, entschied sich die Kriminalmeisterin abzuwarten, falls sie es gleich sich erledigt bekommt, fortführend aus dem Mund der Erster Hauptkommissarin: »Dessen bedeutendster Beitrag sollte nicht als psychotherapeutisch gelten, obwohl seine psychologische Wirkung unermesslich groß ist. Der Herr Doktor hat die Semantik entscheidend geändert, wenngleich weder als Semiotiker noch Linguist.«

Lamprecht: »Frau Hauptkommissarin...«  Elsner: »Ach bitte. Katrin. Ist es nicht längst Zeit, dass wir uns duzen? Es sei denn, die Frau Kriminalmeisterin möchte förmlich samt der Anred...«

»Katrin? Gerne. Aber bitte für mich nur El.« Das war eine Überraschung, dachte El. Überhaupt hat sie nicht erwartet, diese kulturelle Möglichkeit zu erwarten.

»Wie schön. Dann. El. Du wolltest noch sagen?« Eben zu Ohren gekommen kam das El so komisch vor. Erst recht während dieses angeblich gleich beginnenden Vortrags über die Sprache und ihre Psycho-effekte. Was wollte sie noch sagen? Vielleicht wenn das duzen gewöhnlicher wird, mit Frau Elsner– äh, Katrin – könnte El endlich mal aufhören, mit diesem ablenkenden Blabla im Kopf. O du Scheiße! El ist gleich zu Beginn so nah an Katrins Nachname, Elsner! Es wirkt gruselig, oder? Eventuell dürfte El Katrin nur noch Ka nennen. Ka und El.  »El? Bist du okay?«

»Ähm. Sicher. Kaa-trin. Ich wollte Ihn...er, dich noch fraa-gen. Ähm. Was ist das mit dem Denial?«  »Ähm. Gut. Ja. Okay. Denk mal an alles Mögliche, woran du nicht glaubst, gegenüber das, womit du gar nicht abfinden kannst, aber sonst nie daran denkst, wenn es sich vermeiden lässt. Letzteres hat Freud von Verleugnung in der Muttersprache ins Denial übersetzt beziehungsweise übersetzen lassen. Damals hieß dies nur so wie eine Negierung, oder das Bestreiten einer Behauptung. Immerhin ist später die Rede von Disavowal, da Englisch sprechende Wissenschaftler ahnten, Denial der dementsprechenden psychologischen Tiefe nicht entgegenkam, oder so der Gedanke.«

»Doch ist das Problem«, sprach Katrin weiter, »dass die Tochter von Sigmund Freud ihre Sprachen von Sigmund Freud beigebrachte worden war. Nach Anna Freud war Denial in diesem Sinne völlig normal. Daher dauerte es kein Jahrhundert bis das Wort in zwei, obwohl sehr ähnliche, irgendwie ganz andere, Begriffe spaltete. Und das ist genau was Freud meinte passieren soll, wenn man etwas nicht wahrhaben will. Eine Spaltung der Psyche.«

»Nun willst du bestimmt wissen«, fragte Katrin zur Bestätigung, »inwiefern ich diese Theorie wegen der Studienfaulheit verfälsche?«  Allerdings, dachte El, wüsste sie eher gern, ob ihre Chefin, duzend und frisch geduzt, ihre Miene erstaunlich effektiv abliest. Sonst möchte sie halt weiter zuhören, befahl: »Erzähl weiter.«

»Also haben wir zwei Begriffen. Sehr ähnlich so. Climate Change Denial ist trotz alledem verhältnismäßig neu. Es könnte heißen Klimaskepsis, als sei man selber Wissenschaftler, oder vertraue nicht auf die Unfehlbarkeit von kommerzgetriebenen Gutachten. Oder man ist einfach Idiot. Glaubt halt an nichts, egal wie sich die Beweise anhäufen. Diese nennt man Climate Change Deniers. Personifiziert also. Ist persönlicher und man kommt nicht davon weg. Immerhin ist ein Klimaskeptiker so gut wie ein Klimawandelleugner. Ein Versuch zwischen den beiden zu differenzieren bringt nichts. Obwohl sie die Ernsthaftigkeit aus der Psychoanalyse übertragen, gemeint ist eigentlich eher eine dickköpfige Ablehnung aus ideologischen Gründen.«

»Es gibt dennoch ein andere Art von Climate Change Denial und zwar mehr in Übereinstimmung mit der Freud'schen Lehre und Nachforschung jeweils von Sigmund und Anna. Tief pathologische Verleugnung bestimmt durchschnittlich besser gebildete Menschen als die Klimawandelleugner. Jener wissen, sowohl ihr Bildungsniveau zu schätzen als auch diese Leugner stillschweigend zu verachten, wenn nicht gerade mit offener Freude zu verhöhnen. Übrigens Verleugnen die Letztere, dass sie in Wirklichkeit gar nicht so gut gebildet sind, Argumente nicht verstehen, beziehungsweise nicht verfolgt haben. Ihre Verständnis ist unabhängig von deren Stichhaltigkeit, weil sie verstehen nicht, was sie behaupten sollen, zu verstehen.«

»Von Kindestagen an lernen wir durch Zuckerbrot und Peitsche. Irgendwann lernen wir mit Gott abzufinden, aber unsre Glaubenspraxis haben wir immer noch, sonst werden wir nicht in vollem Umfang akzeptiert. Wie cool kids halt. Unsre Götter sind bloß anders. Und noch mit Bedenken verdrängt.«

»Ach, ja, und der Klimawandel. Wie du siehst, El, wird tagtäglich von der vorherigen unterschätzen Tipping-Point berichtet. Sowie jedes Jahr vom neuen Hitzerekord. Wie es mit den einzelnen Elementen, die unsren Kohlenstoffrechner in die Höhe treibt. Einzeln und zusammen. Wie wir einzeln sich mit Containerschiffen nicht genugtun können, die Gleichgewicht der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten, ganz zu schweigen von unsrer Fressgier versklavt. Wie wir einzeln mit dem Flugzeug nach dem nächsten Kontinent zum Meeting fliegen lassen, obwohl es mit der Kommunikationstechnologie mit schon lange genügendem CO2-Fußabruck bis nun endlich mal ausreichen müsste. Schlicht die Energie, die wir verwenden, um Vieh zu züchten, ist bekanntermaßen enorm. Außer wenn, wir enorm unter Denial leiden.«

»Und zusammen. Früher hieß es, unsre Klimaabkommen würden, obwohl nicht genug, zumindest ein Anfang. Die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass das neueste Accord keineswegs weit genug geht.«

»Und so heute haben wir eine Konversation zwischen zwei Gesprächspartner: Die, die Verleugnen, das es eine menschenverursachte Erderwärmung gibt, und die, die Verleugnen, dass wir nichts dagegen machen, weil unser Lebensstil vorgeht.«  Die Katrin atmete aus.

Dann atmete die HK Elsner wieder ein: »Okay. Wir müssen an der Arbeit. Es sieht aus, als werden unser Informant belästigt.«  Dem hat El schon eine Weile ins Auge gesehen, HK Katrin sitzt dagegen mit Rücken zum relevanten Ereignisse. Aber wie gerufen informierte sie ihre Kollegin: »Ich sah schon wie die Arbeitskräfte sich aufregen und große Sorgen machen. Erbärmlich.«

»Naja. Sie müssen sich um das Geschäft kümmern«, ließ KM Lamprecht lauten, ohne Leib oder Seele bei.  Und Katrin wieder: »Liebe El! Was für eine Gelegenheit, die Geschichte zu Ende zu bringen! Du hast recht!«, und mit diesen Worten und einzelnen Wörtern ließt sie ihre Stimme allmählich aber deutlich lauter werden: »Die Mitarbeiter müssen sich doch darum kümmern. Sie um ihres. Wir um unseres. Und wir alle denken an unsre Kundschaft. Falls es nicht so weit kommt, dass sich beschwert wird, bei dem Chef über den Gestank, bei unsrem Kaffeedienern über die ach so unvermeidbare Unansehnlichkeit, wird man auch mal von Zivilisten vorläufig festgenommen. Weil wir es so wollen?«  Sie stand auf.  »Weil Sie es so wollen? Bitte sagen Sie es mir, irgendjemand, wer will das?«  Sie saß wieder hin, trank den letzten Schluck Kaffee.  »We're in Denial, El! Wir verleugnen, dass jemand auf der Straße zu setzen das Gefühl trägt, in wörtlichem Sinne, jemand kaltzustellen! Und hier bei Minusgrade ist die Gefühl ziemlich tief!«

Als die Detektiven ihren Zeuge unter Schutz aus dem Laden geleitete, schrie er zu niemand bestimmten nach: »Breed and raise the pigs until the pent bounty cries for feasting of fear and destruction!«

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