Sunday, 17 February 2013

Der Parkbank Pinkler
Kapitel II: der vierte Fall


Hast du schon mal 'nen Hunddog geseh'n
Lächeln beim Laufen, pinkeln im Steh'n?


II.

Die jüngste Leiche lag schon locker im Sack, dem Reißverschluß noch nicht zu, als Erste Hauptkommissarin Katrin Elsner am Tatort ankam, um die Umgebung weiter nachzuforschen. Nicht, daß die Berliner Kriminalpolizei zu Schlamperei neigte, was die nötigen alltäglichen Ermittlungen angeht, aber vier solche ähnliche Fälle innerhalb von nicht viel mehr Wochen, im genausovielmal Kilometerumkreis davon, macht nur eines aus:

Serienmord.

Ein Fall für mich, dachte die Hauptkommissarin ernsthaft. Und ehrlich überlegt neigen die Berliner Kripo doch zu Schlamperei, egal was es angeht. Gerade jetzt zu Entsetzen der Hauptkommissarin verweilten eine unnötige Menge von Uniformierten da am Tatort.

Die Streifenbullen dürfen sich ruhig mit dem heutigen Großaufgebot um die Ecke treffen, dachte sie ernst und ironisch zugleich. Die sich dort zu befinden zig Hundertschaften könnte bestimmt ein noch größeren Überlauf von Überaffen gut gebrauchen, wenn sie des unlängst ersteigerten Hauses die Zwangsräumung durchsetzen.

Auf gerade dem Grund und im obszönen Übermaß schwebte ein Hubschrauber in der Luft. Allerdings noch bemannt. Wenn eine pleite Stadt wie Berlin im Auftrag von so-klein eines Kleininvestors doch soviel Kraft einsetzt, um eine wehrlose Familie vor die Tür zu setzen, könnte eine Drohnekampagne gegen Hausbesetzer weit dahinterfolgen? - dachte sie, Spaß beiseite. Ein Fall zum Kotzen, dachte sie noch gleich dazu.


 >>Tag, Frau Hauptkommissarin<<, wurde ihre Gedanken von der Kollegin, Kriminalmeisterin Elke Lamprecht, unterbrochen.

 >>Frau Kriminalmeisterin<<, nickte sie ihr zu.

 >>Um es vorwegzunehmen, der Tatbestand von diesem hier ist gleich wie von denen da vorher, bis ins Detail<<, berichtete KM Lamprecht.

 >>Und was ist mit den Grünern hier?<<, erwiderte HK Elsner, auf die rumstehenden Beamten hinweisend. >>Sind sie auf Streife oder wollen sie gleich einen Freudentanz vorführen?<<

Manchmal versteht sich KM Elke Lamprecht mit ihrer Chefin ziemlich gut, manchmal nicht ganz. Langjährig schon hat sie von ihr gelernt, hat ihr nachgeeifert. In diesem Moment beschwor sie den Geist der Hauptkommissarin herauf, oder ihren aktuellen Ärger nur, oder projizierte sie jetzt nur ihre eigene auf sie.  So oder so oder so, irritiert, forderte die Kriminalmeisterin einen Kripobeamter auf: >>Wir möchten nur Sie, Ihrer Chef und den Rechtsmediziner! Alle anderen putzen die Platte!<<

Die Gruppe löste allmählich aber relativ gezielt auf, und KM Lamprecht kehrte sich der Hauptkommissarin wieder zu. >>Also, wie gesagt, genau wie das letzte Mal--<<

 >>Und die zweimal davor.<<

 >>Uuund die zweimal davor: mehrere Prellungen, hauptsächlich am Kopf und abwehrenden Glieder - also Armen, Händen, Fingern. Dieser hat aber offenbar eine stärkere Verteidigung leisten können<<, räumte KM Lamprecht unangenehm ein.

HK Elsner wandte ihre Aufmerksamkeit nachdenklich der nahegelegenen Parkbank zu: >>Sterbelager?<<

 >>Jo. Wie gehabt.<<

 >>Und der Fleck, wie gehabt?<<, fragte die Hauptkommissarin ihre Assistentin.

 >>Urin<<, antwortete sie ihr und fügte hinzu: >>Ich hab ein Bißchen darüber nachgedacht. Ich glaube, für den Landstreicher wird es vielleicht nicht allzu ungewöhnlich, sich in die Hose zu machen.<<

Daher schnitt die Hauptkommissarin so eine Grimasse, daß die Untergeordnete wußte nicht richtig, ob ihre Chefin verwirrt, amüsiert, oder skeptisch sein soll. Um ihre eigene Verlegenheit abzuwenden, erklärte sie vorschnell und auch gleich verwirrt, stufenweise amüsiert und schließlich zusehends skeptisch:

 >>Also, ich meine, ein Vagabund, also Obdachloser, fällt es natürlich schwer, ähm, normalen Zugang zu bekommen... also bekommen sie eher eine Zugangsbeschränkung, beziehungsweise diverse Hausverbote, worin sich die öffentliche WC befinden, und... also ohne normalen - das heißt, was wir als normal bezeichnen würden -, ähm, Körperhygiene, daß sie nicht duschen können oder so, erhalten sie denn ganz bestimmt kein Zugang... also wird es denn außer Frage, wird doch zum Teufelskreis eben, so-daß sie nicht sooft gleich auf Wunsch ihre Notdurft verrichten... ähm, dürfen.<<

>>Na klar machen sie sich regelmäßig in die Hose!<<, kam die neckende Antwort von der Chefin.

>>Gut, daß wir uns so gut kennen<<, konterte Kripomeisterin Lamprecht regelrecht aufgereizt. >>Nun gut. Wie gehabt<<, fuhr sie wieder fort: >>Unser arme Pinkler hat sich auf der Parkbank in die Hose gemacht. Vielleicht während der schrecklichen Tat, oder als allerletzte Befreiung, im Sterben liegend.<<

Erste Hauptkommissarin Elsner hatte für eine kurze Weile ihre strebsame Kollegin anscheinend ausdruckslos angestarrt, bevor eine anschließende Bemerkung folgte, und die angestarrte KM Lamprecht wußte genau was dieser Spalt, diese Lücke - naja, man sollte es doch lieber eine Diskrepanz nennen -, und was diese Diskrepanz zu bedeuten hat und zwar, was die Kripomeisterin sofort an den Stillblick erkannte, daß die Hauptkommissarin gerade etwas herausbekommen hat, was die Juniorinspekorin hätte nie herausbekommen können. In diesem Sinne wüßte KM Lamprecht so gut wie nichts. Allein wußte sie, daß sie gleich mitbekommen würde, was sie nicht wußte:

Was sie nicht herausbekommen hat. Wie immer.

Angestarrt würde sie nur solang bis es dauerte, sich diese hektischen reumütigen Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen und keine Sekunde mehr. Also keine Zeit, um nur den letzten Dialog nochmal durchzugehen, in der Hoffnung damit, die geringste Hinweise davon mitzubekommen, was die Hauptkommissarin zu verkünden hat. Und mit der Zeit so knapp, und jene Gedanken schon im Gange, gibt es ab nun ganz gewiss keine Chance für die Kripomeisterin, irgendwas herauszubekommen, bevor es jetzt gleich verkündet wird.

Und dies alles hat sie gerade gedacht. Panik läßt den normalen Intelligenzgrad im Verborgenen brühen.

Und dann - ZACK! Seufz - mit der Genauigkeit eines Uhrwerks verkündete die Hauptkommissarin: >>Naja. Ich hab selbst ein Bißchen darüber nachgedacht und ich glaube, daß unser Pinkler auf DIE Parkbank uriniert hat.<<

Damit kam Kripomeisterin Lamprecht nicht umhin zu bemerken, daß das Spiel erstmal weiter geht. Sie bekam wohl einen ganz deutlichen Wink, erkannte aber keine Lösung des Rätsels, geschweige denn die detektivische Offenbarung sie erwartet hatte.

Selber einem leeren Starrblick gegenüberstehend kam nun ihrerseits Erste Hauptkommissarin Elsner nicht umhin zu bemerken, daß ihr Gegenüber mit ihrem Latein am Ende war. Schade, dachte sie und sagte: >>Liebe Kriminalmeisterin Lamprecht. Es handelt sich hier um den vierten Fall!<<

Daraufhin konnte die Hauptkommissarin ein heftiges Lachen nicht unterdrücken, auch wenn ihr sogleich wegen desselben ein schlechtes Gewissen gemacht wurde.

>>Ich versteh Sie ganz und gar nicht!<<, protestierte die Kripomeisterin, und: >>Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Ja, heute ist der vierte Fall, und alle viermal hat der Opfer--<<

>>Nein!<<, fiel ihr HK Elsner ins Wort. >>Der Opfer hat den Fleck nicht verursacht. Sehen Sie ihn bitte genau an. Merken Sie bitte die Größe der Fläche und den Umriß der Form. Die anderen waren genauso groß, sogar größer. Meinen Sie wirklich, daß sich dieser Opfer soviel in die Hose uriniert hat, daß es hinaus bis da - und schauen Sie bitte darunter - bis dahin ausbreitete, ohne daß der Schritt der Hose vergleichbar besudelt worden ist?<<

Die Kripomeisterin brauchte die Flecken nicht anzusehen, ihr Unvollkommenheit in der Sache war ihr nun doch klar. Und es war ihr höchst peinlich, nicht nur weil sie dieses Detail übersehen hat, sondern zumal deswegen, daß, als sie gegenwärtig trotzdem die nicht zusammenpassenden Flecken ansah, als wäre sie diese beachten, sie sich den Kopf zerbrach, um den Zusammenhang mit der Tatsache herauszubekommen, daß dieser der vierte Fall ist. Also was hat die Hauptkommissarin nur gesagt? Daß der Pinkler auf die, also die betont, Parkbank gemach-- >>Ach ja, es heißt Akkusativ der vierte Fall! Und der Mörder muß der Pinkler sein!<<

  >>Vermutlich, meine kluge Kripomeisterin. Super abgeleitet! Aber laß uns nicht vorschnell handeln. Und sei ein Kalauer eins zuviel, bitte ich um Verständnis.<<

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Was wir bisher nur noch wissen?
Im stehen Parkbank Pinkler pissen.
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SUNDAY PAPER BONUS:
  a barely not-unrelated cartoon from Titanic Magazin