Sunday, 16 July 2017

Der Parkbank Pinkler
Kapitel XIX: das Abkommen Teil eins

XIX.

Auf dem Weg in den Verhörraum fing das Gespräch mit dem Verhältnismäßigkeitsprinzip an, ob das Vermummungsverbot für Demonstranten nicht etwa unverhältnismäßig wäre, insofern als, je gefährlicher der Polizist, umso wahrscheinlicher sei er denn auch so vermummt. In dem Sinne gebe es so gut wie keinen Unterschied zwischen Lockspitzeln, bekleidet unter Demonstranten zum Einmischen und gegenüberstehende ahnungslose Kollegen Antreiben, und V-Menschen, angeblich zum Einsatz bei Strafverfolgungsbehörden gekommen, um Wurzeln im Kriminellmilieu zu instrumentalisieren, und Bullen. Die begehen Straftaten mit einem Freibrief, Verbrechen verübt wie geübt als wesentlicher Bestandteil der Fachausbildung.

Im Nachhinein gedeihen Politiker durch lückenlose Aufklärungsansprüche, indem sie angeblich eindeutige Aussagen machen, stellen aber genauso kräftig an, wenn sie „Wir können nichts dafür” behaupten. Und wenn alles schief gehe, stelle sich routinemäßig heraus, dass ihre anstrengend komplex gegliederte Gegenspionagespiele eher willkürlich geplant vorkommen als durchdacht. Was willkürlich erscheine könne nicht viel besser sein als willkürlich. Demgegenüber konkretisierte eine prädisponiert Natur bis ins perfid wirkende Detail, müsse man davon ausgehen, sollte man davon ausgehen, Perfidie wäre nach Plan.

In gemischter Reihenfolge betrachtet sprach die Untergebene Elke Lamprecht und ihre Chefin Katrin Elsner über das Gesetz gen Mord und wie es konzeptuell als negativer Anreiz »schlicht nicht eingängig ist«, so die Chefin und »zumindest nicht beweisbar, wenn überhaupt zu beweisen«, so die Untergebene. Darauf sind sie gekommen wegen der Behauptung der Hauptkommissarin, dass die bestehende Kriminalitätsverhütung schlicht von Provokationskunst gebildet sei und dass Hamburg hätte die G20 besser überstanden ohne jegliche Polizeipräsenz.

Rechtsstaatsstruktur hin, her, ob oder wie »Was tun wir mit Mörder?« fragte die Nachrangige patt setzend, ein Zug, gerade infolge wessen entstandener Stillstand der Obere nicht ausmachte, nicht dass ihr dieses Thema oder Gespräche mit ihrer Kollegin etwas ausmachen würde.

Was Elsner doch ausmacht, wurde auch besprochen. Unter anderem dass die Doppelkopfkandidatur der Linken, inmitten deren sonst alleiniger Abgrenzung von der Politik der Groko, bestehe aber auch aus Gerede von mehr Haushaltsgelder für Polizei, seitens Kopf Wagenknechts, und, seitens Kopf Bartschs, dem angeblich von Union verspielten Erbe Kohls, und wie letzteres, der Auffassung der Junior Inspektorin nach, typisch SPD Plauderei wäre, da die keine Chance verpassen, frischtot Helden von Christdemokraten hinzuwählen, und ersteres, für die  Begriffe ihrer Chefin noch eindeutiger, »eine Politik absolut zu verwerfen«.

Lamprecht war verdutzt. Klar ist sie mitunter nicht der Auffassung der Chefin, aber die Anspielung von der weiblichen Hälfte der Kandidatur halte sie für differenzierter als „absolut“. Auch wenn mehr Geld für Vollzugsbehörde kommen solle, dann vielleicht auch noch zugute dem Personal. Politik von links also. Diese Vorstellung brachte die Chefin zum Zusammenzucken und sie stöhnte dazu auf, ob sich Else des allgemeinen Benehmens in einem gewissen Revier überhaupt noch entsinne und der vielen ähnlichen Arschlöcher, mit denen sie bis dato zu tun habe, von der Ausbildung in der Fachhochschule über die Zeit beim Schutz und dann der Bereitschaft, und auch noch betreffs ihrer Beförderungschancen gemahnend, der letzte Rest von diesen würden daran teilhaben. Oder eben nicht. »Welch iss schlimma?«

Und weil sie noch dabei waren, »die Sache der Tatsache« auf die Frage, »was wir mit Mörder tun« sollten, »die Bedeutung von „wir” auf alle Fälle zentral zu verstehen ist«. Zentral zu verstehen sein sollte.

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