Wednesday, 3 January 2018

Der Parkbank Pinkler: rückneunzehn


.XIX . ..

Erinnert worden bin ich an eine Freundin, die ich, zusammen mit der Entscheidung diese Gemeinde meine Bleibe zu machen, auf einer Party getroffen hatte. Auf dem Dach im Julimorgengrauen mit Rundumblick — was heißt, wie einer sehen konnte, eine freie 360° Aussicht von wo auch immer — war das erste Mal, wobei ich dachte, vielleicht ist dieser Scheißsehturm, dem man auf jedem T-Shirt und Schlüsselanhänger und jeder Postkarte entgegen tritt, dagegen attraktiv. Wahrnehmungsumstände schätze ich.


Erregt war ich ihr hinterher gerannt und die prekär auf dem Balkon postierte Leiter hinaufgestiegen. Nach einem schweigenden Augenblick oder zwei meinte sie glückselig mit Blick auf den Blick, »Schön, oder?« Da habe ich Berlin angebissen. Freilich im Sommer.

Erinnert worden bin ich, an den Zeitungsartikel, den sie mir später vorgelesen hat, einher mit dem, was sie dazu schrieb, und wie dies noch für den neueren Artikel, den ich neulich gelesen habe, von hochaktueller Bedeutung ist:

Die eigentliche Krankheit verrät sich mit dem eventuell nicht rhetorisch gemeinten Ausgangspunkt: Wachstum sei ja etwas Gutes — oder nicht? Erstens ist Wachstum an sich keine Qualität, ungeachtet der ausgleichenden Überzeugung, die einer menschlichen Krankheit, verursacht vom lebenslangen, oder vielmehr, generationenlangen ideologischen Drill, gleichkommt: Wir würden immer mehr brauchen. Wie die angebliche Knappheit vom Wohnraum, fängt der Wachstumswahn rings um alles, was wir angeblich brauchen, auch in der Mitte an: mehr Platz, mehr Arbeitsmöglichkeit, mehr Reichtum, mehr Mobilität, mehr Investition, mehr Aufstiegschancen, mehr Geld — und vergessen wir nicht: mehr Kinder. Also vor allem brauchen wir mehr Verbraucher.

Selbstverständlich braucht das Humanum Nachwuchs, um weiterzuleben und die ältere Generation eine jüngere, um überhaupt ein Ende des Lebens mit Geborgenheit und Würde erleben zu dürfen. Was die Menschheit nicht braucht, ist, dass die Einwohnerzahl steigt, ganz zu Schweigen der Weltbevölkerung. Also große Familien ganz und gar nichts. Im Gegenteil. Wenn zum Beispiel die heutigen Bevölkerungszahl, anstatt sich auf 8 Milliarden halb blind zu proberennen, lieber hin und her schwebend bei etwas weniger bleibt, dann können wir das hauptsächlich als Stadtentwicklungsproblem anpacken. Was wir heute haben ist ein Weltproblem und es wird nicht gemeistert indem wir Autobahnen ausbauen, Hochhäuser hinein pferchen und neuen Flughäfen u.a. Prestige-Projekten nachstreben, die neue Investition anlocken soll.

So gesehen ist allein der Begriff Wachstum an sich eine Krankheit, die uns allen droht. Wir lesen es tagtäglich, gelegentlich in dieser Zeitung, manchmal auch in den faktfeindlichsten Blättern: Wasser wird knapp, obwohl unsre Küsten- und Uferorte hochwassergefährdet sind; Essen wird knapp, obwohl wir vermeintlich genug Nahrungsmittel haben, um die Welt zu ernähren; das Klima wird für uns unerträglich, obwohl unsere Abgase scheinbar nicht ausreichen, um die Hungrigen zu erreichen; Teils der Weltbevölkerung sind von Krieg zum Aussterben nah, ausgehend auch von den selbsternannten Leuchttürmen der Demokratie, die großteils ihrer Bruttoinlandsprodukte durch Verhandlung von den sachdienlichen Waffen raffen. Diese Industrie ist auch Wachstum abhängig.

Ich höre: „Wachstum an sich muss aber nicht schlecht sein.” Das Problem ist, dass Wachstum fängt mit der Familiengröße an. Wenn Sie vier, fünf— ach— dreizehn! Kinder haben, brauchen wir ökonomisches Wachstum. Wohin? First we take Manhattan, then we take Berlin.

Natürlich ist das Kernproblem, dass das, was ich hier erwähne, erinnert uns unausweichlich an Malthusianismus, was selbst verrückt und krankhaft sei. Allerdings denkt man da vor allem an die von totalitären System erzwungenen Maßnahmen. So oder so, meinen wir Indoktrinierte, „Sei fruchtbar und vermehrt euch” ist immerhin biblisches Gesetz und überhaupt nicht verrückt, beziehungsweise schwärmen wir für Tech-Industriekapitäne, die uns das Blaue vom Himmel versprechen und tatsächlich meinen, auf jeden Fall besiedeln wir das All. Sicher logisch, oder? Ob wir unsre Krankheit mitnehmen dürften?

Die nächsten paar Monate über entgegnete ich ihr im Bumstechnountergrund. Sie tanzte stets alleine, für den Sound und der Bewegung wegen, vermutlich auch für die ganz offene Abgeschiedenheit und vielleicht gerade damals da, wie ich, da sich da eine Bleibe bis in die Puppen befindet. Entweder konnte sie nirgends unterkommen oder wollte dem irgends entkommen.

Einmal suchte ich sie während ihres Besuchs beim besetzen Haus auf, wo sie hat pennen wollen und so. Gerade war sie mit einem offenbar emotional beladenen Telefongespräch fertig. Als nicht verlangter Grund für ihre Tränen erzählte sie mir von ihrer kleinen Tochter, wie sie sich über die Lebensverhältnisse beim Vater mit neuer Freundin beklagte, gerade bei jemand, der das Recht entzogen wurde, etwas dagegen zu unternehmen, womit lange nicht verloren gegangen wäre, das mütterliche Verlangen, diese Sorgen zu stillen. Irgendwie musste sie ihr Mitleid ausdrücken, ebenso wie dem Mädchen Muttis Hilflosigkeit klarmachen. Barmherzig und taktvoll. In diesem Moment, als sie mir davon erzählte, ging es mir genauso, wenngleich ein Schritt davon weiter entfernt, eine Leitersprosse tiefer.



Nicht allzu lange danach hörte ich mit, wie eine gemeinsame Bekannte über sie redete. So erfuhr ich von Rikes Selbstmord. Es machte mich schaudern und brachte mein Herz im Düstern. Nun, ich bin nicht von den Hassern, die Selbstmörder für höchst egoistisch halten. Ich denke, dass unter bestimmten Umständen das Nehmen des eigenen Lebens das mutigste ist, was einer tun kann. Ich denke auch, dass unter denselben Umständen die Entscheidung, nicht das eigene Leben zu nehmen, das mutigste ist, was einer tun kann. Dies ist kein Widerspruch. Beide sind gleichermaßen tapfer darin, dass einfach am Scheideweg gestanden zu haben und auf die eine oder andere Weise zu entscheiden ist das kühnste Verhalten, in heroischem Sinne.

Seit Jahrzehnten erlebe ich die Tode von Freunden, von denen man annimmt, dass sie ihr eigenes Leben beendet haben. Seltsamerweise, scheint es mir, gibt es nicht nur Angehörige des Verstorbenen, die dazu neigen, diese Möglichkeit auszuschließen, manchmal aus der Verleugnung vermute ich. Aber es gibt auch andere, die in dem festen Glauben scheinen, es muss sicherlich Selbstmord sein. Nicht nur diejenigen, die wollen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, wie immer, sondern die, mit einem pikanten Geschmack morbider Beruhigung.

Tatsächlich befürworte ich Selbstmord voll und ganz. Nichtsdestoweniger ist für mich die Erschütterung immer ominös, egal wie weit unten an der Leiter ich stehe. Wahrlich glaube ich auch, dass wir uns gegenseitig geben sollten, was uns andere nicht geben, um einen Ausblick zu stellen. Nicht diese nicht ahnende freiwillig fonseelsorgeriche Variante, »Na ja, die Dinge sind nicht ganz so schlimm, oder? Ich meine, wenn Sie nur bis morgen aushalten können... Hallo? BLEIBEN SIE BITTE DRAN!«–Schwachsinn, aber ein Platz zu haben, zu atmen ohne Kummer, zu essen ohne Morgensangst, ruhig zu schlafen— fuck, was auch immer.

Ich bin nicht heldenhaft. Hätte ich im Laufe der Zeit ein kinderleichtes Mittel gehabt, um alles zu beenden, bezweifle ich, dass ich hier sein würde. Versagensangst und die Angst vor einer daraus resultierenden Behinderung, oder die Angst erwischt zu werden, bestimmen die Gedanken. In dieser Hinsicht habe ich nie eine Entscheidung getroffen, weiter zu leben, so sehr wie ich die Standardposition erreicht habe. Ich wette, es gibt eine Milliarde wie ich.

Ich schätze, eine todsichere Methode wäre es, irgendwo ganz oben auf einen Gipfel zu steigen und in den herrlichen Tod zu springen, der einem gewährt wird, der den ganzen glückseligen Gang hinunter spüren muss. Aber weil ich fanatisch entgegengesetzt bin, Menschen mit Bomben zu schmeißen, komme ich nicht umhin zu befürchten, dass der Schlussakt als Heuchelei vom Himmel ausklingt.

Was Leben in heroischem Sinne betrifft, wenn ich wirklich verwegen wäre, würde ich riskieren, für völlig verrückt gehalten zu werden, hoch an die Spitze der Erde klettern und aufschreien, was ich wirklich denke. Und ich würde nie aufhören. Für Rike.

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