Wednesday, 8 April 2015

Der Parkbank Pinkler
Kapitel Acht!: 'noch ein' Wunsch?


Wie?  Icke? Soll dit een Anjebot oder'ne Bitte?
Steht für mich die Zukunft weit offen? Oder
wird mit mir jrad Schluss jemacht?


VIII.

Halb schwarz, halb arm, halb illegal, zur Hälfte bemitleidet, zur Hälfte gefürchtet und — ist tatsächlich noch Platz für eine dritte Hälfte – zur Hälfte gehasst, möchte das Kind trotz alledem Freunde.  Möchte die, will die aber nicht mit nach Hause. Vertraut nur mit denen, die, wie er, ohne vernünftige Lebensunterhalteverhältnisse, gerade solche, die kein liebevolles Lächeln von fremden Erwachsenen, wenn auch von dem freundlicheren Elternteil, abkriegen, wegen der missachteten Elternhäuser jener Kinder. Nicht, wie aus den nachvollziehbaren Ängsten, wegen des schrecklich labilen Onkels oder Stiefvaters, sondern weil die alle in ach so unvorstellbaren Elend aufwachsen. Das Armsein ist der allererste Verstoß gegen die Grundwerte der sonst sorglosen Gesellschaft.

Das Kind hat doch noch einen Wunsch, und zwar nicht zwischen Freundeskreisen entscheiden zu müssen: denen, die ihn heimlich verstehen und diejenigen, die von ihm unheimlich fasziniert sind, die Wahl zwischen Selbstmitleidsorgien und organisierten Betroffenheit.

Der Bursch, der es geschafft hat, aus dem Elend ein Studium zu bestreiten, möchte sich weiter die diversen Freundschaften zusammenschließen. Auch wenn, mit dem alten Kiezkumpels ein geographisches Stück hinter sich, ihm die neuen Bekannten noch immer so seltsam vorkommen. Deren Streben nach Verständnis wird nun, von der Akademie gefüttert, zum angestrengten Ausdrücken von Einsicht. Wie Zahlen ins Programm aber irgendwie umgekehrt, wie das Programm in die Zahlen eingesetzt. Die Basis ist Acht. Das Resultat ist exponentiell. Der Rest, die alte Freunde weiterhin zurückgelassen. Die Eigenidentität des Burschen wird zum Rätsel.

Stets gelobt und geopfert zugleich. Und subversiv verachtet und verlangt auch noch. So wächst das Rätsel auf. Die Gegensätze wird langsam nicht mehr als Einzelteile wahrgenommen, sondern einzig als zusammengeschmolzenen Widerspruch.

Der Mann? Prinzipiell weiß er von der Vielfalt bzw. Differenziertheit der Beweggründen des Gefühlslebens, von uneigennützig zu wohlbedacht bis zu einem breiten Spektrum von Hintergedanken, zum Teil auch unbewusst, hat sich jedoch daran gewöhnt, von Kindheit an und über die abgebrochenen Studienjahre hinweg und danach, wie die Menschen aus Bedürftigkeit verliebt und verrückt und aus Verrücktheit verlegt und vergessen wird.

Der Widerspruch. Der hat gewonnen.

Der Mann redet zumindest nicht in Nonsequitur – einem nacheinander nicht zusammenhängenden Endloskürzel überall vor sich hin ausplaudern. Aber, nein, das stimmt eigentlich nicht.

Natürlich tut er das doch. Die Zusammenhänge sind perfekt verbunden im eigenen Gehirn bis auf dann, wenn man an der Sprachschwelle steht, vielmehr, in  Wortübergang hinaus denkt. Schon ausgesprochen, ist es zu spät. "Wovon redest du überhaupt!?"

Wie war deine Frage? Ach, ja. Was ich noch wolle... möchte, würden einige sagen, würden dich aber gewiss nicht duzen. Warum siezen wir uns selber nicht? Aber ich schweife ab, wie gerade gesagt.

Es gibt etwas, was der Mann nicht auseinander halten kann — sowie langsam damals der ausgesetzte Student, sowie das Kind, obwohl es dem Kind wahrscheinlich intuitiv bewusst war und er es vergessen hat mit dem Erlernen der Sprache —, und zwar, Angebot und Nachfrage. Damit meine ich nicht, diese verfickte... Entschuldigung... verlogene Wirtschaftstheorie, nein. Ich meine damit, dass er das Angebot als Nachfrage verstehe, obwohl er nie, nie, nie eine Nachfrage mit Angebot verwechsele. Richtig interpretieren schon, wie zum Beispiel, wenn man Hilfe braucht, ist das ein Angebot, Gutes zu tun. Klar.

Aber umgekehrt, wenn man ihm Hilfe anbietet, immer wieder... nicht immer, aber immer wieder wird er, wenn nicht in der erster Linie, in einer Linie als Angebotener Nachgefragter. Gefordert eben. Also überfordert.

Ob das heißt, etwas "mit uns" unternehmen, also nicht einer von uns sein, sondern in irgendeiner Art und Weise zu Diensten neben uns sitzen.

Oder auch, ob er noch etwas wünsche, und also etwas aus der unaufhörbar ansammelnden Reihe von Lüsten herauspicken und gleich zum Ausdruck bringen.

Oder aber auch, ob er bestellen oder verpissen soll.

Im Endeffekt... wobei wir noch kein Ende haben, und darum geht's... dürfte er ehrlich sein, würde er beantworten, er möchte ein Ende. Aber, wenngleich er nicht weitermachen will, hat er Angst vor dem Nichtweitermachen.

Augenblicklicher noch, hat er Angst vor dem Pinkler. Er möchte nicht vom Pinkler umgebracht werden. Will nicht geschlachtet. Das ist weder gutes Ende noch gutes Angebot. Und während folgendes nicht als Nachfrage verstanden wird, kaum noch als noch ein'n Wunsch, wenn er nun verpissen soll, weiß er nicht wohin.


mit Blick auf die Samariter, Berlin-Friedrichshain - 1915/2015

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