Tuesday, 23 June 2020

Der Parkbank Pinkler: Drecks & Dreisich: Folge: verrückte Mehrtuer

In denen die Abschiedsworte einer Mordopferbeziehung zugunsten unserer Chefermittlerin wiedergegeben erklingen, in denen die Abschiedsworte einer Beziehung zwischen Mörder und Opfer für unseren Chefermittler nacherzählt wird, wobei das Metauniversum zu einer reinen Sammelbude oder einem Rattenkessel erklärt wird, wenn man so will, und wenn man nicht so will, dann eben nicht, denn das Universum ist weder Sammelbude noch Rattenkessel, abgesehen davon, wenn es so ist.
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Ich war in der Zukunft, sagte er. Und er sagte, dass das stimmte, aber nicht wirklich, denn es stimmte irgendwie, und zwar auf eine Art und Weise, die schwieriger zu erklären war, und so war die Art und Weise zu erklären, dass er in der Zukunft gewesen war und die Fehler gesehen hatte, die er gemacht hatte, und er hatte viele Fehler gemacht, und er war mehrmals, unzählige Male, in der Zukunft gewesen und hatte unzählige Fehler gesehen, und er konnte dies daher zu seinem Vorteil nutzen bei jedem Schritt auf dem Weg, der gekommen war, um sein Leben als Vorbild für ein erfolgreiches Leben zu gestalten.

Was genau hat er mir gesagt? Es ist schwer zu erklären. Denn das Geheimnis, das ich Ihnen erzählt habe, dass er mir gesagt hat, wird am besten verstanden, wenn ich so beginne, wie er begann. Mit einer Frage.

Warum sind Sie so begabt? Kurz gefasst: ein Übermaß an Erfahrung. Man sieht ja nicht alle Fehlversuche, auch nicht Sie Begabten. Aber Sie ahnen Ihren Erfolgsweg über einen verborgenen Ausschlussvorgang. Verborgen vor sich selbst auch meist. Klar, sonst wären alle gleich. Alle sind nicht gleich, außer insofern, als wir alle dies schon unendlich oft erlebt haben und es wieder tun werden. Nach einer Art Wiedergeburtsprinzip. In diesem Sinne sind wir zwar nicht alle gleich und keineswegs gleich in diese Welt geboren, wie Sie und ich gerade bezeugen, aber wir sind alle jeder und alle von uns in jeder nur erdenklichen Form gewesen.

Mit Verlaub, gab es ein Mal, das Sie genauso auf dieser Stuhl saßen, wie ich, krumm,  unklug aussehend und vor allem schmutzig, und ich, auf Ihrer Seite dieses Tisches aufrecht sitzend, sympathisch geduldig und clever, als Sie mir dies erzählt. Ein Mal war der Tisch aus Kunststoff und blau und dazu auch einmal waren wir Kinder beim Räuber und Gendarm Spielen.

Denn das Leben ist nicht, wie Sie es sich unzählige Male hat erklären lassen, eine Abfolge von Ereignissen, wenn auch diese Erklärung scheint, genau als solche zu kommen. Es ist vielmehr ein Ereignis in seiner Gesamtheit, das als ein anderes erschien, das ihm vorausgegangen war, wie unzählige andere ihm vorausgegangen waren, die sich mehr oder weniger ähnlich waren, bis sie nichts mehr ähnelten, nicht einmal einander.

Es ist unser Wissen um solche Dinge, unser Defizit desselben Wissens, das, mehr als alles andere, den Grad dieser Leben in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden ausmacht, und dann auch überflüssig macht.

Was würde ich sagen, fragte er mich, wenn er mir erzählen würde, dass einige dieser Begabten, und auch einige der nicht so Begabten — und das ist eine andere Geschichte —, offenen Zugang zu diesen Vorgängen aus ihrer verborgenen Herkunft hätten, mit der Voraussetzung, allein für sich den Zugang geheim zu halten? Das zu verraten bedeutet Todesurteil. Das ich es Ihnen nun verrate, da nur aus zweitem Mund, soll gar kein Verrat sein, denn, wie er meinte, Verrat liegt nicht vor, solange einer nicht den eigenen geheimen Vorteil ausplaudert. Aber wenn, dann auch nicht unter Eingeweihten.

Sagen wir mal, Sie treten einem Geheimbund bei. Natürlich nicht nur anschließen. Sie müssen persönlich auserwählt und eingeladen werden. Und dann gibt es all die so genannten Geheimlehren und Geheimwissen, die man vor seinen Untertanen verschweigen muss, wenn man in den Rängen aufsteigt. Je höher man klettert, umso mehr Geheimnisse und umso größer ist die Zahl der Strafe für deren Preisgabe. Und schließlich gibt es noch die oberste Stufe, auf der alle Eingeweihten des engsten Kreises einen entscheidenden Schlüssel zum Sinn des Lebens in die Hand bekommen, nur um dann zu erfahren, dass man über dieses eine Geheimnis nicht einmal mit den Eingeweihten sprechen kann, von denen man annimmt, dass sie genau dasselbe Geheimnis erhalten haben wie man selbst, was dann natürlich sofort zu einer offenen Frage wird. Ich meine, es ist schon schwer genug, dummes Geschwätz für sich zu behalten. Das ist die Art von Dingen, die man unbedingt wenigstens einer Person mitteilen müsste.

Aber laut ihm geschieht all dies vor der nächsten Inkarnation einer Person. Die Geheimbünde auf der Erde sind reine Fantasiespiele und haben nichts damit zu tun. Logisch. Das Lernen aus all der Misserfolge der bisherigen Lebensläufen, das ein ewiger intuitiver Prozess sein soll, müsste am Beginn dieses nun-sten Menschenlebens beginnen. Und dieser Extravorteil, sich an alles zu erinnern, nun ja, das müsste ebenfalls schon bei der Geburt beginnen. Oder besser gesagt, fortgesetzt, obwohl, wie er es meinte, reichen keine menschlichen Worte aus, um die Zeitlosigkeit unsrer Existenz zu fassen. Es ist nicht einmal möglich, dies zu sagen, ohne eine Reihenfolge von Begriffen zu verwenden, die das Konzept der chronologischen Reihenfolge nahelegen.

Wie können Sie zum Beispiel erklären, dass man aus Erfahrungen lernt, wenn alle Lebenserfahrungen eher übereinander liegen, dass das Leben und alle seine Ereignisse auf einmal sind? Neue Wörter bringen mit sich neues Wissen, wenn auch nur über Spüche und Metaphern. Aber Schrift und Zunge haben auch ihre Grenzen, die ironischerweise das Leben auch ausmacht.

Was ist das Leben? Aus der Wortwahl stammt es und hängt es weiterhin davon ab, wie sie aufgenommen wirken, bemerkt und wahrgenommen werden. Für die einen scheint ein auf die Seite gedrucktes Wort einem Opfer eine sympathische Stimme zu verleihen, für die anderen ist es eine Tendenz zur Abwertung. Der Verfasser des Wortes wollte entweder deutlich machen, dass ein oft verunglimpftes und/oder gefürchtetes und verdächtiges Segment der Bevölkerung als schutzbedürftig vor all dem und Schlimmeres berücksichtigt werden muss, oder es ist ein günstiger Ort, Statistiken zu sammeln und zu sensationieren, alles in nichts weiter als ein Spektakel zum Angaffen zu verlegen. Wie ein Leben ist das Wort.

Das Wort bewirkt einen Gefühl und eine Ahnung und diese Sensationen sind eine Offenbarung. Es sei denn, sie wird falsch übersetzt. Das Wort wird, wie er es so meinte, immer wieder in der Übersetzung verloren gehen. Stellen Sie sich mal vor, dass wenn es eine unbegrenzte Anzahl von Leben und Lebensformen, eine Unendlichkeit von Vorgängen und Fehler und Erfolge und Glück und Glücklichsein und Trauer und Bedauern, welche Ereignisse sind mehr und welcher Zustand hat Vorrang?

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